Zwei extreme Perspektiven
Ist Bartending eine Kunstform oder eine Dienstleistung?
In unserer Branche koexistieren seit Langem zwei völlig gegensätzliche Meinungen. Eine Seite erhebt das Bartending auf ein Podest und betrachtet es als reine Kunst und den Barkeeper als kreativen Künstler. Die andere Seite reduziert es auf einen grundlegenden Gastronomieservice und argumentiert, dass der Job erledigt ist, solange der Gast versorgt und die Protokolle eingehalten werden.
Ich glaube jedoch, dass beide extremen Perspektiven das Ziel verfehlen. Sie sind etwas zu absolut.

Selbstverliebtheit vs. Burnout
Wenn man die Mixologie rein als Kunst betrachtet, ist es unglaublich leicht, in die Falle der kreativen Selbstverliebtheit zu tappen. Man mag seine Energie darauf verwenden, ein monumentales Konzept zu entwickeln und die Speisekarte mit tiefgründigem philosophischem Jargon zu füllen. Doch in dem Moment, in dem das Getränk serviert wird, nimmt der Gast einen Schluck und fragt sich vielleicht einfach: „Schmeckt das eigentlich gut?“
Kunst, die von der Kundenerfahrung losgelöst ist, ist nichts weiter als Selbstbefriedigung.
Umgekehrt, wenn Bartending auf einen reinen Service reduziert wird – mechanisches Abspulen derselben Empfehlungsskripte und trockener, hohler Smalltalk – wird es nicht lange dauern, bis Charisma und innere Leidenschaft völlig ausgebrannt sind.

Die Magie an der Grenze
Deshalb finde ich, dass der faszinierendste und schönste Aspekt des Bartendings genau darin liegt, dass es an der Grenze zwischen Kunst und Service angesiedelt ist.
Es geht darum, ein außergewöhnliches Produkt zu liefern und gleichzeitig das menschliche Herz genau zu verstehen.
Es erfordert eine ausgeprägte professionelle Disziplin bei der Geschmacksentwicklung, gepaart mit einer messerscharfen Intuition für die emotionalen Veränderungen der Person, die Ihnen gegenübersitzt. Sie wissen genau, wann Sie einen Cocktail nutzen, um sich auszudrücken und Ihr Handwerk zu präsentieren, und wann Sie einen Schritt zurücktreten und die Bühne ganz der Seele überlassen, die hinter diesem Glas ruht.

Das flüssige Medium
Die wahre Seele einer Bar war noch nie die teure Flüssigkeit im Glas.
Es geht darum, das Getränk lediglich als Medium zu nutzen – eine Brücke, um Verständnis zu suchen und den lebendigen, pulsierenden Menschen direkt vor Ihnen zu berühren.
—— YAM SING BAR
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